November 2017

War´s das?

Das war es: Ein ganzes Jahrzehnt, so intensiv wie noch nie, hatten sich Protestanten mit Luthers Reformation beschäftigt. Für das Jubiläumsjahr selber hatten sich die Erinnerungs-stätten herausgeputzt, Ausstellungen inszeniert, Werbung betrieben. Es war gelungen, den Reformationstag auch dort schul- und arbeitsfrei zu begehen, wo er sonst als üblicher Werktag galt. Der 31. Oktober erlebte in der Lutherstadt Wittenberg noch einmal einen

Höhepunkt. Auch Schönfeld-Weissig war unter den zahlreichen Gemeinden, die der Reformation verstärkte Aufmerksamkeit widmeten mit besonderen Veranstaltungen, in vertiefenden Gesprächskreisen, mit andachtsvollem Vorlesen des Neuen Testaments aus der Lutherübersetzung, regelmäßigen Betrachtungen im Gemeindebrief.

Nun geht das Jubiläum zu Ende - war es das? Die Stimmen, inner- wie außerkirchlich, mehren sich, die das Ganze für einen Schlag ins Wasser halten: Viel Lärm um nichts. Das Anliegen der Reformation einer säkularisierten Umwelt nahezubringen, sei misslungen.

Keine Frage: Kritisches wird zu bedenken sein. Für uns möchte ich dreierlei festhalten:

  1. Die Besinnung auf die Reformation hat unser Geschichtsverständnis erweitert. Dass eine hochrangige linke Politikerin das geflügelte Wort vom Apfelbäumchen Karl May und nicht Martin Luther zuschreibt, dürfte nicht mehr vorkommen. Katharina von Bora, Luthers Ehefrau und Mitstreiterin, hat Kontur gewonnen und unseren Blick geschärft für die Rolle, die Frauen schon immer in der Kirche gespielt haben. 
  2. Was einmal trennte, ist heute nicht mehr ausschlaggebend. Das Verhältnis vor allem zur katholischen Konfession, aber auch zu Religionen überhaupt hat sich gewandelt. Auch Nichtevangelische konnten mitfeiern.
  3. Als Christen sind wir in der Minderheit. Nicht nur wegen der schwachen Beteiligung an den "Kirchentagen auf dem Weg". Wenn wir es noch nicht gemerkt hatten: Die Zeit der  nicht hinterfragten Volkskirche, damit auch der Kirchen der Reformation, ist vorbei.Das muss Auswirkungen haben, auf unsere Gemeinden, auf unsere Verkündigung, auf unsere Gottesdienste, auf unsere Strukturen.

Fazit: Das Jubiläum ist vorüber, aber die Fragen und die Aufgaben bleiben. Sie werden uns weiter beschäftigen. Ich hoffe und wünsche, Sie sind dabei.

Ihr Jürgen Bergmann


Oktober 2017

Liebe Gemeinde,

was war das für eine Zeit damals, als Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche schlug! Mit Eifer und Herzblut kämpfte er um seine Kirche. Sie war schon lange in alten Machtstrukturen und verfälschter Botschaft gefangen und die Gläubigen wurden mit Angst dazu genötigt, ihr Seelenheil mit Ablassbriefen zu erkaufen.
Luther dagegen erkannte bei seinem Bibelstudium, dass man vor Gott keine Angst haben muss. Und er wollte, dass dies viele andere auch erkennen. Deshalb lag ihm die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache am Herzen.
Er förderte zudem die Schulbildung, damit möglichst viele Menschen die Bibel selbst lesen konnten. Er schrieb deutsche Kirchenlieder und öffnete die Universitäten zum freien Disput. Das alles sollte die Menschen von klein auf in die Lage versetzen, die freimachende Botschaft von Jesus Christus kennenzulernen.
Gott hat durch Luther und viele seiner mutigen Zeitgenossen die erstarrte und machtgetränkte Kirche grundlegend verändert. Eine Kirche, die nicht ohne Fehler war, aber damals wieder ganz neu versuchte, nach den Grundlagen der Bibel zu fragen und zu leben.
Wenn wir nun im Jahr 2017 diesen bemerkenswerten Wandlungsprozess der Kirche vor
500 Jahren feiern, dann müssen wir neben aller Dankbarkeit auch ehrlich fragen, in welcher Verfassung sich unsere Kirche heute befindet und inwieweit wir aufgerufen sind, für sie zu kämpfen, wie es Luther getan hat. Auf unserer Thesentür in Weißig (Titelbild) lese ich Fragen, ob unsere Kirche zu politisch und zu weit links orientiert ist und die Hilfe für die Flüchtlinge über die Ängste der eigenen Bürger stellt. Oder: „Sollte die Kirche nicht endlich auch die Ehe für alle unterstützen?“
Das alles sind wichtige Fragen, aber für mich steht hier zunächst eine andere: „Wie soll die Kirche unsere christlichen Werte vertreten und für sie kämpfen, wenn ein Großteil der Menschen, auch der getauften Christen, ihre Fragen, Vorschläge und Kritik dort nicht einbringen, ihr den Rücken kehren und sich zurückziehen?
Margot Kässmann schreibt dazu treffend: „Mit wem sollte ich denn meine Glaubensfragen besprechen, wenn nicht mit Menschen, die ebenfalls glauben?… Eine Gemeinschaft, die miteinander redet und ringt, ist kreativ und lebendig. Und dabei ist Zweifeln eine wichtige, positive Kraft.“
Nutzen wir diese Kraft zur Erneuerung unserer Kirche.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


15.08.2017

Der böse Aufrührer - ein Gerichtsbericht aus dem antiken Palästina

Vor dem Statthalter Felix

 „ Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus herab; die erschienen vor dem Statthalter gegen Paulus. 

Als der aber herbeigerufen worden war, fing Tertullus an, ihn anzuklagen, und sprach: Dass wir in großem Frieden leben unter dir und dass sich für dieses Volk vieles gebessert hat durch deine Fürsorge, das erkennen wir allezeit und allenthalben mit aller Dankbarkeit an, hochgeehrter Felix.  Damit ich dich aber nicht zu lange aufhalte, bitte ich dich, du wollest uns kurz anhören in deiner Güte. Wir haben erkannt, dass dieser Mann schädlich ist und dass er Aufruhr erregt unter allen Juden auf dem ganzen Erdkreis und dass er ein Anführer der Sekte der Nazoräer ist. Er hat auch versucht, den Tempel zu entweihen. Ihn haben wir ergriffen. Wenn du ihn verhörst, kannst du selbst das alles von ihm erkunden, wessen wir ihn verklagen. Auch die Juden bekräftigten das und sagten, es verhielte sich so. Paulus aber antwortete, als ihm der Statthalter winkte zu reden: Weil ich weiß, dass du in diesem Volk nun viele Jahre Richter bist, will ich meine Sache unerschrocken verteidigen. Du kannst feststellen, dass ich nicht mehr als zwölf Tage hatte, seit ich nach Jerusalem hinaufzog, um anzubeten. Und sie haben mich weder im Tempel noch in den Synagogen noch in der Stadt dabei gefunden, wie ich mit jemandem gestritten oder einen Aufruhr im Volk gemacht hätte. Sie können dir auch nicht beweisen, wessen sie mich jetzt verklagen. Das bekenne ich dir aber, dass ich nach dem Weg <gemeint ist das Christentum>, den sie eine Sekte nennen, dem Gott meiner Väter so diene, dass ich allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten. Ich habe die Hoffnung zu Gott, die auch sie selbst haben, nämlich dass es eine Auferstehung der Gerechten wie der Ungerechten geben wird. Darin übe ich mich, allezeit ein unverletztes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen. Nach mehreren Jahren aber bin ich gekommen, um Almosen für mein Volk zu überbringen und zu opfern. Als ich mich im Tempel reinigte, ohne viel Volks und Aufruhr, fanden mich dabei einige Juden aus der Provinz Asia. Die sollten jetzt hier sein vor dir und mich verklagen, wenn sie etwas gegen mich hätten. Oder lass diese hier selbst sagen, was für ein Unrecht sie gefunden haben, als ich vor dem Hohen Rat stand; es sei denn dies eine Wort, das ich rief, als ich unter ihnen stand: Um der Auferstehung der Toten willen werde ich von euch heute angeklagt. “  (Apostelgeschichte, Kapitel 24, Verse 1 – 21)

Was ist die Situation? 

Ungefähr 23 Jahre nach dem berühmten „Damaskuserlebnis“, in dessen Folge aus dem gesetzestreuen Pharisäer Saulus der uns bekannte Paulus wurde, erreichte der Missionar zum zweiten Mal die Stadt Jerusalem.  Hinter ihm liegen die ausgedehnten Reisen durch Kleinasien, Makedonien und Griechenland.  Einerseits war er der vermutlich erfolgreichste Sendbote für das neue christliche Bekenntnis, andererseits sahen die traditionellen Juden in ihm einen gefährlichen Aufrührer. So stellte Paulus das jüdische Religionsrecht mit seinen vielen strengen Regeln infrage, obwohl er ein ausgebildeter Toralehrer war. Er stieß bei Juden, Römern und griechisch Gebildeten immer wieder auf starke Ablehnung, die mitunter sogar zu „Aufruhr“ führte. Paulus überlebte mehrere körperliche Auseinandersetzungen, Steinigungsversuche, Strafgeißelungen und Haft.  Sein Ruf ging ihm offenbar voraus. In der Apostelgeschichte ist davon die Rede, dass seine fundamentalistischen Gegner aus dem palästinischen Judentum regelrechte Anschläge gegen Paulus geplant hatten. Als er nun im Frühjahr 56 Jerusalem erreicht, erfüllen sich die Befürchtungen schnell.  Paulus wird von Juden angeklagt, er habe einen Nichtjuden mit in den Tempel gebracht: Darauf stand nach der geltenden Toradeutung die Todesstrafe, die die Römer bei solchen religiösen Vergehen in der Regel auch zuließen. Was geschah dann? Um ihn vor jüdischer Lynchjustiz zu schützen, griff die römische Wache ein und nahm ihn in Schutzhaft (Apg 21,27–36). Man brachte ihn unter der Deckung einer erheblichen Streitmacht herunter nach Caesarea an die Küste des Mittelmeeres.  Dort wurde er dem römischen Statthalter Marcus Antonius Felix vorgeführt.

Ich finde, man hört, dass dieser Bibeltext wirklich etwas anderes ist, als das, was wir gewöhnlich erfahren. Er schildert eine römische Gerichtsszene mit Anklage und Verteidigung. Nur im letzten Absatz, dem 21., geht es wirklich ernsthaft um den Glauben, als Paulus ausruft: „  … es sei denn dies eine Wort, das ich rief, als ich unter ihnen stand: Um der Auferstehung der Toten willen werde ich von euch heute angeklagt.“

Hat sich diese Szene wirklich so zugetragen? Gesichert ist das nicht – andererseits spricht gerade die neuere Forschung dem Autor der Apostelgeschichte, einem antiken Historiker unter dem Namen „Lukas“, im Großen und Ganzen fundierte politische, juristische, soziale und geographische Kenntnisse zu. So haben wir es heute also mit einem nachrichtlichen Bericht aus der Antike zu tun, den uns das Neue Testament überliefert. Er gibt uns ein Beispiel für die außerordentliche formale und inhaltliche Vielfalt der Bibel, die einen immer wieder überrascht.

Es bleibt noch die Frage: Was ist aus dem Prozess gegen Paulus geworden? Das Verfahren wurde verschleppt und mündete in eine mehrjährige rechtliche Auseinandersetzung. Der Gefangene wurde freundlich behandelt. Als Statthalter hatte Marcus Antonius Felix offenbar wenig Interesse, Paulus der jüdischen Religionsjustiz preiszugeben. Andererseits wollte er den jüdisch-christlichen Missionar auch nicht frei umherziehen lassen. Zwei Jahre später trat ein neuer kaiserlicher Prokurator sein Amt in Judäa an: Porcius Festus. Der schickte ihn nach einigem hin und her nach Rom, so schreibt Lukas. Paulus habe sich auf sein Recht als römischer Bürger berufen und an den Kaiser selbst appelliert. In Palästina war man möglicherweise zufrieden: Wenigstens ein Fall wurde in Ruhe gelöst. 

Frank Pawassar


Juni 2017

Selbstgespräch

Wunderbar, jetzt kommt wieder die schöne Sommerzeit. Alles wird etwas ruhiger, gelassener als sonst. Ich kann durchatmen und die Hektik des Jahres etwas hinter mir lassen. Vor allem der Urlaub ist es, auf den ich mich freue. Es geht wieder in den Süden, nach Italien. Dort sind die Menschen irgendwie anders. Es ist, als ob sie mehr Zeit haben. Alles strahlt Ruhe und Gelassenheit aus.

Und dann die schönen Kirchen, auf die freue ich mich ganz besonders.

Ich muss immer wieder an die eine Kirche im letzten Jahr denken. Mit meinem Mann trat ich in den wohltuend dunklen Raum. Es war wie in einer anderen Welt. Und dann war da dieses wunderbare Farbenspiel. Die Abendsonne überflutete mit den Farben eines Kirchenfensters förmlich den Innenraum der Kirche. Selten habe ich vorher so etwas Wunderbares gesehen. Welch eine Ruhe lag in diesem Raum und zugleich eine Kraft, die unbeschreiblich war. So, als ob Gott selbst mich berührte.

Und dann musste ich auf einmal an mein Leben zuhause denken. Unsere Kirche ist wunderschön, aber warum finde ich so selten zu ihr? Warum verzichte ich dort auf das, was mir hier im Urlaub so guttut. Es ist ja nicht nur die Ruhe und diese Stimmung, die mich berühren. Es sind auch die Menschen, die wie ich hier in diese Kirche kommen. Manchmal singen sie auch, beten oder feiern miteinander Gottesdienst, und wenn wir dabei waren, hat es uns gutgetan.

Ich nehme mir vor, diese Urlaubserfahrung nicht mehr nur auf diese kurze Zeit zu beschränken. Ich möchte Gott wieder näher kommen und zwar das ganze Jahr über.

Als ich damals die Kirche wieder verlassen wollte, las ich am Ausgang einen Bibelspruch aus dem Epheserbrief Kap. 2,19:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“.

Ja, das wollte ich auch wieder - dazugehören, nicht mehr fremd, sondern Hausbewohner in Gottes WG sein.

Wie gesagt, ich freue mich wieder auf Italien mit seinen schönen Kirchen.

Aber jetzt weiß ich, dass meine Kirche hier viel wichtiger ist, weil sie mich im Alltag meines Lebens begleitet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele gute Erlebnisse!

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch
 


"Evangelisch" - und weiter?

"Protestanten", so nannte man die Anhänger der Reformation, die 1529 auf dem Reichstag zu Speyer Widerstand leisteten gegen den Versuch, die ihnen zugestandene Duldung aufzuheben. "Protestierer" also, wir würden heute zeitgemäß "Opposition" sagen, und beide

Begriffe beschreiben eine Haltung, sagen aber inhaltlich nichts aus. Daher bezeichneten sie selber sich lieber als "evangelisch" und machten damit deutlich, worum es ihnen in der Sache ging: Um das Evangelium von Jesus Christus, wie es Martin Luther zur alleinigen Richtschnur für den Glauben der Christen und die Botschaft der Kirche erklärt hatte.

"Evangelisch" geben auch wir an, wenn wir nach unserer Kirchenzugehörigkeit gefragt werden. Und begnügen uns in der Regel damit. Aber im Konfirmandenunterricht habe ich noch gelernt, dass die korrekte Bezeichnung weitergeht: "Evangelisch-lutherisch", wobei man "lutherisch", wie es dem Lateinischen entsprach, auf der 2. Silbe zu betonen hatte. Das macht heute kein Mensch mehr, aber zu "evangelisch" das "lutherisch" zu setzen, dient auch heute der Klarheit: Evangelisch nämlich heißen ja auch andere Kirchen und Gemeinschaften, die auf  andere Zweige der Reformation als auf Luther zurückgehen und sich deshalb z.B. "evangelisch-reformiert", "evangelisch-methodistisch" oder auch "evangelisch-freikirchlich" nennen. Und bei allem ökumenischen Verbundensein unterscheiden wir uns auch; so finden wir "Lutheraner" als wichtige Bekenntnisse unserer Kirche im Anhang unseres Gesangbuches das "Augsburger Bekenntnis" und den "Kleinen Katechismus" (wir sollten dort ruhig mal wieder nachlesen).

Also: Es ist nicht überholt und überflüssig, wenn wir zu unserer Herkunft und zu unserer besonderen Prägung stehen und  so "evangelisch-lutherisch" ausschreiben.

Ihr Jürgen Bergmann

 


April 2017

Liebe Gemeinde

Zu Karfreitag und Ostern schauen wir in besonderer Weise auf Christus, der für uns gestorben ist, für unsere Unvollkommenheit, unsere Fehler und Schwächen. Das alles nimmt er mit ans Kreuz und macht gleichzeitig durch seine Auferstehung deutlich, dass er uns dennoch annimmt und darin ein Leben in Fülle ermöglicht. Er schaut uns in Liebe an und sagt „Ja“ zu uns, so wie wir sind.

Gleichzeitig fordert er uns zu einem Perspektivwechsel heraus:

Seht die Welt mit meinen Augen! Kümmert euch um Menschen mit ihren Nöten und Ängsten!

Nehmt euch an mit euren Fehlern und Schwächen!

Macht euch Mut und vertraut darauf, dass Gott aus all dem dennoch Gutes entstehen lassen kann, so wie in dieser Geschichte eines unbekannten Verfassers:

Es war einmal eine alte chinesische Frau. Mit zwei Schüsseln, die an einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug, ging sie Wasser holen. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, die andere war makellos. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus enthielt die eine Schüssel stets die volle Wassermenge, die andere war jedoch immer nur noch halb voll. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung. Die Schüssel mit dem Sprung aber schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.
Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprunges, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“
Die Frau lächelte: „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der anderen Seite nicht? Ich habe auf deiner Seite Blumensamen gesät, weil ich mir deiner Besonderheit bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich wunderschöne Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren.“

Durch IHN die Welt sehen:
Die RICHTIGE PERSPEKTIVE haben. Um DURCH-ZU-BLICKEN.
Um MEHR ZU SEHEN.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


April 2017

Schon alles eins?

"Ach, Herr Pastorchen, ist all een Deibel", soll sich nach einem ostpreußischen Witz Muttchen Kaludrigkeit gerechtfertigt haben, als ihr lutherischer Pfarrer vorwurfsvoll fragte, wieso sie im katholischen Gottesdienst gewesen sei. Ein und derselbe Teufel, das schien ihr einleuchtend; dass Evangelische und Katholische den gleichen Gott verehrten, wagte sie offensichtlich nicht zu behaupten.

Da sind wir heute weiter, Gott sei Dank: Die christlichen Konfessionen sind einander nähergekommen. Ökumenisches Miteinander ist selbstverständlich geworden. Das Reformationsjubiläum 2017 bezieht auch die katholische Kirche mit ein, sie begeht es mit uns als Christusfest. Hatte Luther noch allen Grund, sich  wider das Papsttum zu Rom , vom Teufel gestiftet“, zu wenden, wird Papst Franziskus auch von evangelischen Christen geschätzt.

Und in einer gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre haben Katholiken und Lutheraner sich zur Übereinstimmung in Grundfragen des Glaubens bekannt und festgestellt, dass die früheren wechselseitigen Verurteilungen heute nicht mehr zutreffen.
Gibt es im Zeitalter der Ökumene also eigentlich noch trennende Unterschiede? Ja, die gibt es. Spürbar werden sie etwa im Amts- und Sakramentsverständnis, die der gemeinsamen Feier des Abendmahls im Wege stehen, aber auch bei der nach evangelischer Sicht unbiblischen Heiligen- und Marienverehrung. Zur sichtbaren Einheit ist es wohl noch ein weiter Weg. Wir sollten ihn gehen, aufgeschlossen füreinander, aber auch im selbstbewussten Wissen darum, was unser Evangelischsein ausmacht.

Ihr Jürgen Bergmann


07.02.2017

Vom Vertrauen schenken

Betrachtung über Lukas 9, 1 - 6 

Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle Dämonen und dass sie Krankheiten heilen konnten und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken. Und er sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. Und wo ihr in ein Haus geht, da bleibt und von dort zieht weiter. Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie. Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und heilten an allen Orten. 

Ich will versuchen, den Originaltext mit meinen Worten zu wiederzugeben:

Jesus gab den Zwölfen eine Aufgabe. Er gab ihnen die „Gewalt und Macht“. Das sind Fähigkeiten, die Aufgabe zu lösen. Er sandte sie aus, Gottes Wort zu verkünden und auch etwas zu tun im Sinne des Herrn. Die Jünger dürfen für diese Reise nichts mitnehmen. Es erscheint rätselhaft, warum. Die Jünger sollen allein darauf bauen, dass Fremde sie als Gast aufnehmen. Wo das nicht geschieht, da beuge man sich ohne Klage – es soll von sich aus sprechen. Und die Jünger gehorchten und sie konnten tatsächlich an allen Orten helfen. 

Viel bekannter ist die Geschichte von der Speisung der Viertausend (z.B. Mt. 15 und 16). Auch dieses Mal erfahren wir von einer Aufgabe, die unlösbar erscheint. Die zwölf  Jünger sollen fortgehen und nicht nur schöne Worte gebrauchen, sondern heilen. Heilen des Körpers, Heilen der Seelen. Wie kann das gehen? Die Jünger hatten einfache Berufe. Von Heilkunst verstanden sie nichts. Wer unvorhergesehen so eine Aufgabe bekommt, der fühlt sich überfordert, der empfindet – wie man heute sagt – Stress, Aufregung.

Unser Autor, Lukas, setzt noch einen drauf: Nichts an materiellen Gütern sollen Jesu Jünger mitführen, buchstäblich nichts. Nicht einmal ein zweites Hemd. Mit leeren Händen sollen sie vor fremden Häusern in den Dörfern stehen und  um Kost und Logis bitten.  Als Gegengabe gibt es Heilung. Was würden wir sagen, stünde so jemand vor unserer Tür und bäte uns um Einlass? 

Ungefähr seit Luthers Zeit kennen wir im Deutschen das Wort „Vertrauen“. Darin steckt „trauen“.  Ein kurzer Blick in das Lexikon: Das Wort „trauen“ gehört zu einer sehr alten Wortgruppe um den Begriff „treu“ = „stark“, „fest“. Im Griechischen steht dafür „pistis“ = „Glaube“, im Lateinischen „fides“ =  die Treue. Die Frage des Vertrauens oder des mangelnden Vertrauens ist ein Problem, das auftritt, wenn wir uns vor (oder in)  einer unsicheren Situation glauben. Dann ist Stärke gefragt, Festigkeit und manchmal auch Glaube, Treue. Wir sollten uns aber auch nichts vormachen:

Vertrauen benötigt immer eine Grundlage, eben eine  „Vertrauensgrundlage“.

Was könnte die Jünger in unserer Geschichte dazu bewegt haben, ihrem Meister zu gehorchen? Aus dem Text erfahren wir dazu nichts. Für Lukas, den Berichterstatter aus den Jahren zwischen 60 und 85 nach Chr., erscheint diese Frage offenkundig nicht weiter diskussionswürdig. Das heißt, er ging davon aus, dass sich seine Leser und Zuhörer diese Frage nicht stellen würden. Es bleibt für uns heute nur übrig, die Vertrauensgrundlage in den guten Erfahrungen zu suchen, die die Jünger mit den Lehren Jesu selbst gemacht hatten: War er nicht ein Rabbi, der wirkliche Wunder schuf? Ging er nicht über das Wasser, als der Sturm tobte? Beruhigte er nicht die Wellen? Ließ er nicht die Netze von Fischen überquellen? Heilte er nicht die Aussätzigen? Hieß er die Jünger nicht, tausende Zuhörer mit fünf Broten und zwei Fischen zu verpflegen, wobei am Ende noch viele Körbe mit  Brocken übrig blieben? Die Jünger waren vielleicht Augenzeugen des Geschehens, wir heute sind es nicht. Ob es sich hier, wenigstens im Kern, um Tatsachenberichte handelt, wie wir sie heute kennen, müssen wir folglich offen lassen. Nichts von dem lässt sich historisch überprüfen. Wir erkennen aus heutiger Sicht nur, dass es damals objektiv eine Vertrauensgrundlage gegeben haben muss. Sonst wäre alles sinnlos, was uns Lukas übermittelt. 

Und hier suche ich die Antwort auf die Frage, was uns diese alte Geschichte des Lukas sagen könnte: Jesus verlangt, dass wir uns gegenseitig Vertrauen schenken.  Er ist nur unter uns, wenn wir brüderlich und schwesterlich miteinander umgehen. Das heißt, wir sind dazu aufgefordert, das Vertrauen unter uns zu pflegen und zu stärken.  Da spielt es zunächst auch keine Rolle, wie andere über einen denken. Was schreibt der Evangelist? „Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie.“ Mit anderen Worten kann man auch sagen: Schimpft nicht über sie! Sie stellen sich selbst dahin, wo sie hingehören wollen. Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und heilten an allen Orten. 

Ihr Frank Pawassar


Januar 2017

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“   Hesekiel 36,26

Haben Sie gewusst, dass viele Menschen, die ein neues Herz implantiert bekommen haben, oft eine seltsame Veränderung in sich spürten? Sie sahen und taten Dinge, die sie vorher an sich so nicht kannten.

Forscher haben bei unabhängigen Befragungen von Herzempfängern und deren Spendern entdeckt, dass manche Erlebnisse oder auch Wesenszüge des Spenders sich auf den Empfänger übertragen haben. Das neue Herz ist demnach nicht nur ein schlichtes Organ, das Blut durch den Körper pumpt und den Körper mit Sauerstoff versorgt, sondern es trägt auch Informationen in sich, die etwas vom Wesen des Menschen abbilden, der das Herz in sich hatte.

Mich fasziniert diese Erfahrung, denn sie veranschaulicht in wunderbarer Weise, was uns der Bibelvers sagen will, der uns über das ganze Jahr begleiten soll.

Gott schenkt uns ein neues Herz und damit auch einen neuen Geist - also ein neues Denken und Fühlen! Es ist etwas in uns, dass uns in einzigartiger Weise mit ihm verbindet. Da ist etwas in uns eingepflanzt, was uns von Grund auf prägt. 

Ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus zwiespältige Gedanken hervorruft. „Will ich mich denn überhaupt so verändern lassen? Ich bin doch eigentlich ganz zufrieden mit dem, wie ich lebe, denke und fühle.“

Auf der anderen Seite erleben wir aber auch, wie sich Menschen verändern in einer Weise, die uns erschreckt, weil ihre Herzen von einem ganz anderen Geist in Beschlag genommen werden. Viele haben Angst vor Menschen, die ihnen fremd sind, von denen Gefahr auszugehen scheint, manchmal auch tut. Aber diese Angst verändert unmerklich ihr Herz. Es nimmt Abstand, schottet sich ab und bildet mit der Zeit eine harte undurchdringliche Schale. Andere Herzen sind durch viele Enttäuschungen, Rückschläge und Niederlagen im Leben abgestumpft. Sie können nichts mehr erwarten oder hoffen und wollen es auch nicht, um nicht wieder enttäuscht zu werden. Und schließlich verlieren sich auch viele in den vielen Möglichkeiten, die unsere westliche Welt heute zu bieten hat. Junge Menschen vor allem vermissen etwas in ihrem Leben, das ihnen wirklich Sinn gibt. Etwas, wofür es sich lohnt zu leben.

Und ich selbst? Steckt nicht unter der selbstbewussten und stark erscheinenden Oberfläche, die ich nach außen zeige, oft eine große Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit, einer Richtschnur, auf die ich mich verlassen kann auch dann, wenn alles Selbstbewusstsein sich gerade verabschiedet?

Wie gut ist es da zu wissen, dass Gottes Herz stark machen will. Stark gegen die Ängste, die uns beherrschen wollen, gegen die Unruhe und Hoffnungslosigkeit, die uns im Blick auf die schlimmen Geschehnisse in der Welt jegliche Freude rauben.

Gottes Herz war stark genug, Verbrecher und Mörder hinter Gefängnismauern so zu verändern, dass sie ihre Schuld wirklich bereuen und Vergebung finden konnten. Es war stark genug, einen millionenschweren aber einsamen Karrieremenschen wieder einen Blick für die wichtigen Dinge im Leben zu geben. Und ein krebskranker Sportler, der im Krankenhaus zu Gott gefunden hat, konnte getröstet in Frieden sterben.

Die Kernfrage, die bleibt, ist: möchte ich dieses geschenkte neue Herz und den neuen Geist annehmen?

Ich wünsche uns allen, dass diese Frage uns umtreibt.

Ihr Pfarrer Fritzsch


3x Hammer

"Das ist der Hammer!", diese Redewendung, mit der wir kommentieren, dass uns etwas stark beeindruckt, dürften die im Hinterkopf gehabt haben, die den drei großen Reformationsausstellungen dieses Jahres in Berlin, Eisenach und Wittenberg den gemeinsamen Titel "3x Hammer - die volle Wucht der Reformation" gaben. Aber vor allem wollen sie damit an Luthers Thesenanschlag erinnern: Der hammerschwingende Reformator, das ist ein einprägsames Bild. Dabei wird es neuerdings von der Wissenschaft zunehmend in Frage gestellt: Dass der Reformator sein Thesenplakat am Vorabend des Allerheiligenfestes 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen habe, sei Legende. Und tatsächlich findet sich die erste Erwähnung erst Jahrzehnte später.

Also: Hat er nun, oder hat er nicht?

Dafür spricht: Die Kirchentür war so etwas wie das "Schwarze Brett" der Universität. Wer etwas bekannt machen wollte, hängte es dort aus. Und Professor Luther lud mit dem Thesenanschlag öffentlich dazu ein, über seine provozierenden Sätze zu Buße und Ablass, Verdienst und Gnade, Papst und Kirche zu debattieren. Unmittelbaren Erfolg hatte er mit dieser Einladung nicht, die beabsichtigte Diskussionsrunde kam nicht zustande. Dagegen wurden die Thesen sofort nachgedruckt und verbreiteten sich mit Windeseile. Angenagelt oder nicht - in ihrer Wirkung waren sie "ein Hammer" und wurden zum Ausgangspunkt der Reformation. Auf einer im neunzehnten Jahrhundert vom preußischen König gestifteten massiven Bronzetür sind sie bis heute an der Wittenberger Schlosskirche zu lesen. 

Ihr Jürgen Bergmann


Monatsspruch Dez. 2016:

Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.

Der Wächter auf der Stadtmauer, wie es ihn in der Vergangenheit gab, ist uns heute nicht mehr so vertraut. Aber das, was hinter diesem Bild steht, die Erfahrung von unendlicher Dunkelheit, die manche Gefahren in sich birgt, die kennen wir sehr wohl. Wie viele Menschen liegen nachts wach und finden keine Ruhe, weil Sorgen ihnen den Schlaf rauben. Und mit den Sorgen kommt die Angst, die Dunkelheit, die sich wie ein schwarzer Schleier über das Leben gelegt hat, könnte vielleicht nie mehr weggehen. Viele versuchen mit Schlafmitteln Ruhe zu finden, suchen Rat bei Psychologen und Ärzten, doch es hilft oft nur oberflächlich. Die Dunkelheit bleibt. Wie groß ist da die Sehnsucht nach Licht und Wärme, die Sehnsucht, wieder aufatmen zu können, dass endlich Frieden ins Herz einzieht. 

Liebe Leser,
was empfinden Sie, wenn sie das Bild auf der Vorderseite ansehen?
Ich war im Oktober  mit einigen Gemeindegliedern unserer Schwestergemeinden zusammen in Israel.
Und in der Geburtskirche von Bethlehem standen wir vor diesem Fenster mit dem Bild von der Geburt Jesu. Was uns dabei besonders berührte, war dieser totale Kontrast - der helle Stern inmitten tiefster Dunkelheit. Und dann das Weihnachtsgeschehen, die Geburt Jesu, eingebettet in dieses Licht, dass  diese Finsternis geradezu aufhebt. Es nimmt ihm all seine bedrückende Macht.

Wer vor diesem Bild steht, ist überwältigt von seiner Ausdruckskraft.

Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, wer allein die Macht hat, diese Strahlkraft zu erzeugen. Dieses Kind in der Krippe ist es, das später als erwachsener Mann Menschen aufgerichtet hat, die krumm vor Leid geworden waren, Kranke geheilt hat an Leib und Seele. Dieser Jesus hat nun schon seit 2000 Jahren Menschen in Höhen und Tiefen begleitet, hat sie in größter Dunkelheit getröstet und Kraft zum Leben gegeben bis heute.
Menschen in Gefängnissen, die zum Glauben kommen, finden inneren Frieden, andere werden in schwerer Krankheit oder im Angesicht des Todes getröstet. Im ganz normalen Alltag mit seinen Herausforderungen dürfen Menschen Kraft und Hilfe erfahren.
Ist das nicht Ermutigung genug, uns immer wieder auf die Suche zu machen nach dieser Licht- und Kraftquelle?
Liebe Leser, wenn wir im kommenden Jahr das Reformationsjubiläum feiern, dann sind wir aufgerufen, so wie Martin Luther damals vor 500 Jahren danach zu fragen, was uns im Leben wirklich trägt und worauf wir uns verlassen können besonders dann, wenn Dunkelheit unser Leben überschattet. 
Die vielen Veranstaltungen zum Jubiläum sollen uns dabei helfen, miteinander über die Zukunft unseres Glaubens, unserer Gemeinden und damit der Kirche ins Gespräch zu kommen. Vielleicht entdecken wir Neues für uns.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


Alles in Luther

Na ja, "alles" vielleicht doch nicht; wer weiß schon, was alles 2017 auf uns zukommen und uns beschäftigen wird. Aber Luther und das 500. Jubiläum der Reformation gehören ganz gewiss zu den Themen, die das kommende Jahr bestimmen werden. Es ist über zehn Jahre hin  vorbereitet worden und hat im Oktober am Reformationstag  öffentlichkeitswirksam den Start ins Festjahr erlebt. Die Lutherstätten von Eisleben bis Wittenberg sind in Stand gesetzt und erwarten Scharen von Besuchern. Unsere Kirchen sind gerüstet, die reformatorische Botschaft ins Land zu tragen und unter die Leute zu bringen. Christen und Nichtchristen sind eingeladen, in sechs Städten Mitteldeutschlands "Kirchentage auf dem Weg" und ein großes Abschlussfest in Berlin und Wittenberg zu feiern. Und natürlich sorgen Kunst und Kultur, Film und Fernsehen, aber auch Handel und Gewerbe dafür, das Reformationsgedenken ins Bewusstsein zu rücken: Es gibt nicht nur Gedenkmünzen und Lutherbier, der Spielzeughersteller Playmobil hat mit seiner Lutherfigur einen echten Verkaufsschlager gelandet.
Dresden gehört nicht zu den Lutherstädten, auch wenn Luther zweimal hier gewesen ist: Die Reformation konnte sich im albertinischen Sachsen erst reichlich zwei Jahrzehnte nach dem Thesenanschlag durchsetzen. Doch im Lauf des neuen Jahres werden auch wir genug vom Jubiläum zu spüren bekommen. Ich meinerseits möchte unseren Gemeindebrief gern nutzen, um Ihnen in den nächsten Monaten  im "Stichpunkt" nicht nur das Reformationsgeschehen näher zu bringen, sondern vor allem mit Ihnen darüber nachzudenken, was es für uns heute heißt, in Luthers Nachfolge evangelisch zu sein.

Gott segne uns das Lutherjahr!

Ihr Jürgen Bergmann


September 2016

Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erlebt -

man fährt mit dem Auto in den Urlaub an die See, und fast am Ziel geht der Weg kilometerweit am Deich entlang. Man weiß, dass dahinter das Meer ist und das Bedürfnis, es zu sehen, steigert sich ins Unermessliche.

Irgendwann hält man es nicht mehr aus. Der Wagen wird gestoppt und dann läuft man voller Erwartung solch eine Treppe – wie auf unserem Titelbild - hoch, die auf den Deich hinaufführt. Schon atmet man die frische Meeresluft, bis endlich das Ende erreicht ist und sich eine unendliche Weite auftut. Es ist ein Gefühl größter Freiheit. Nichts versperrt den Blick und alle Anstrengungen der Reise fallen von einem ab.

So muss sich Martin Luther damals gefühlt haben, als er nach jahrelangem Ringen und angestrengtem Suchen nach einem Weg zu Gott und seiner Gnade endlich am Ziel war.

Im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom hat er entdeckt, dass man sich Gottes Gnade weder durch eigene Anstrengung noch durch den Kauf von Ablassbriefen erwerben kann, sondern allein durch den Glauben und das uneingeschränkte Vertrauen an Gottes Liebe und Vergebung.

Diese Erkenntnis war wie ein Befreiungsschlag von den quälenden Ängsten vor einem Gott, der nach der Lehre der damaligen Kirche keine Gnade zu kennen schien.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Mit diesen Worten vor dem Kaiser und Vertretern der Kirche auf dem Reichstag zu Worms besiegelte er endgültig die Abkehr von der alten Lehre und leitete damit die Reformation, aber ungewollt auch die Abspaltung von der verfassten Kirche, ein, die weltweit ihre Spuren hinterließ. Begonnen aber hatte alles 1517 mit seinem berühmten Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche.

Wenn wir nun mit dem diesjährigen Reformationsfest in das 500jährige Reformationsjubiläum einsteigen, dann soll das nicht nur ein Erinnern sein an das Vergangene. Sondern es soll uns vor allem aufrufen, die drängenden Fragen unserer Zeit und unserer Kirche wahrzunehmen und im Glauben Lösungen zu finden.

Heute fragen Menschen in der westlichen Welt nicht mehr nach einen gnädigen Gott wie Luther damals. Sie fragen, wo Gott in dieser vom Wissen der Menschen beherrschten Welt noch seinen Platz haben soll.

Die Vernunft, gepaart mit Wohlstand und Absicherung nach allen Seiten, suggeriert, dass man das Leben im Griff hat. Und wenn diese Sicherheit doch einmal verloren geht und das Lebenskonzept ins Wanken kommt, dann finden viele dennoch nicht den Weg zu Gott und der Kirche. Woran liegt das?

Treibt uns Christen diese Frage überhaupt noch um?

Sind wir überzeugt, dass das, woran wir glauben und was uns im Leben trägt, die Menschen neben uns unbedingt kennenlernen sollten, weil es keinen besseren Weg gibt?

Wie gelingt der Brückenschlag von unserem bunten Gemeindeleben hin in die Lebenswelt derer, die von all dem nichts wissen?

Brauchen wir eine neue Reformation, die uns ganz neue Wege gehen lässt?

„Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“, so lautet der Monatsspruch für Oktober.

Nutzen wir diese Freiheit, um Mauern in unserem Glauben zu überwinden und Kirche neu zu denken. Lasst uns wie Luther damals unruhig und fragend sein, bis Gott uns zeigt, wo er uns braucht.

Unser Glaube kann Berge versetzen, wenn wir Vertrauen in diesen Geist der Freiheit haben.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


September 2016

Wissen Sie schon, wo Sie ruhen werden?

Nein, ich meine nicht Ihr Nachtquartier, mir geht es um die "letzte Ruhe".

Jahrhundertelang war das keine Frage: Im Normalfall wurde man auf dem örtlichen Friedhof begraben. Das hat sich geändert: Heute kann man wählen zwischen unterschiedlichen Orten und Bestattungsarten. Die häufigste ist die Feuerbestattung mit der Beisetzung in einem Urnengrab. Die Kirchen haben sie lange abgelehnt und auf der Unversehrtheit des Leichnams bestanden. Nach Kriegen und Katastrophen, in denen Unzählige verstümmelt wurden und verbrannten, ist das kein Argument mehr.

Inzwischen werden auch sogenannte "Friedwälder" oder Seebestattungen  angeboten, und wer es exklusiv mag und sich´s leisten kann, kann sich ins All befördern lassen. Zunehmend finden sich auf den Friedhöfen auch Gemeinschaftsgrabstellen, während anonyme "Streuwiesen" dem christlichen Verständnis widersprechen: Vor Gott sind wir nicht namenlos.

Für viele Ältere spielt ein anderer Gesichtspunkt eine entscheidende Rolle: Wer wird sich um mein Grab kümmern?  Sie wollen Kindern und Enkeln, die oft entfernt wohnen, die Pflege nicht zumuten. Und übertreiben dabei zuweilen im Bemühen, niemandem zur Last zu fallen: Schließlich sind sie doch früher über viele Jahre für eben diese Kinder da gewesen!

Wo wir einmal ruhen werden, das zu klären, ist nicht einfach, aber unumgänglich. Und es sollte im Einvernehmen und rechtzeitig geschehen. Vielleicht machen es uns die kommenden letzten Wochen des Kirchenjahres, die vom Gedenken an die Verstorbenen und der Botschaft der Auferstehung besonders geprägt sind, leichter, das für viele heikle Thema anzugehen.

Ihr Jürgen Bergmann


Juli 2016

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.                        Matth. 25,40

In der Zeitung war neulich folgendes zu lesen: Der 30-jährige Flüchtling Kawa Suliman aus Syrien hat im oberfränkischen Zapfendorf spontan zwei Ausflügler bewirtet – weil diese ein Heim für Asylbewerber für ein Gasthaus gehalten hatten. Das Paar war der Meinung, der ehemalige Gasthof sei noch in Betrieb – tatsächlich leben hier längst Asylbewerber. "Ich sagte: Kommen Sie herein, machen Sie es sich bequem, fühlen Sie sich wie zu Hause", schilderte Suliman die Szene. Dann bewirtete er sie.

Diese Gastfreundschaft hat das Ehepaar sehr berührt. Es zeigt, dass auch viele hilfsbedürftige Menschen selbst gern helfen und damit ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollen.

Ähnliches haben wir auch erlebt, als wir im letzten Jahr unsere Partnergemeinde in Kandau besuchten. Bei einem gemeinsamen Essen in der von unserer Gemeinde unterstützten Suppenküche haben wir die Menschen kennengelernt, die zu den ärmsten der Gesellschaft gehören.

Wir durften die große Dankbarkeit und Freude erleben, die sie uns entgegenbrachten. Sie haben uns damit etwas wiedergegeben, das man nicht mit Geld aufwiegen kann.

Durch die Unterstützung der Hilfsbedürftigen ist nun auch eine enge Partnerschaft unserer beiden Kirchgemeinden gewachsen, in der wir von vielen Dingen erfahren, die unsere Geschwister in Kandau bewegen. Und so freuen wir uns, dass nun auch eine größere Gruppe von ihnen zu uns zu Besuch kommt und dadurch hoffentlich viele neue Kontakte und Freundschaften entstehen. Wir sind ja immer wieder darauf angewiesen, voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu stärken für die drängenden Probleme unserer Zeit. Auch bei uns brauchen Menschen Unterstützung. Deshalb wollen wir die Einnahmen des Kuchenbasars vom Hochlandfest sowohl für die Suppenküche Kandau als auch für die Obdachlosenhilfe in Dresden spenden. Der oben abgedruckte Bibelspruch, der über der Woche des Besuchs der Partnergemeinde steht, weist uns also geradezu auf die Themen, die uns verbinden.

Und so möchte ich Sie einladen, diese Chance der Begegnung zu nutzen z.B. bei der gemeinsamen Fahrt nach Wittenberg, dem Grillabend im Pfarrhof Weißig oder dem festlichen Gottesdienst. Allen Quartiergebern und Helfern sei schon an dieser Stelle herzlich gedankt. Auch das ist ein wichtiger Dienst am Nächsten.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


01.07.2016

Schiffsherrengleichnis von Martin Luther

Unser Leben gleicht einer Schifffahrt. So wie die Schiffleute nämlich den Hafen vor sich haben, auf den sie ihre Fahrt richten, so ist uns die Verheißung des ewigen Lebens geschehen, dass wir in derselben gleichwie in einem Hafen sanft und sicher ruhen sollen. Weil aber das Schiff in dem wir geführt werden, schwach ist und äußerst gefährliche Winde und Stürme gegen uns anlaufen, so ist leicht einzusehen, dass wir eines sehr weisen Steuermannes bedürfen, der das Schiff mit seinem Rat so regiere und führe, dass es nicht an Steinklippen anstoße oder überhaupt untergehe. Dieser unser Steuermann ist allein Gott, der das Schiff nicht nur erhalten will, sondern auch kann, auf dass es, ob es gleich von ungestümen Wellen hin und her geworfen wird, gleichwohl sicher und unversehrt in den Hafen kommen möge. Er hat aber verheißen, dass er uns beistehen will, wenn wir ihn nur um Regierung und Hilfe bitten. Und solange wir diesen Schiffsherren bei uns haben und behalten, so kommen wir aus aller Heftigkeit der Stürme und aus den Wogen sicher heraus. Wenn aber die im Schiff in der größten Gefahr den Steuermann mutwillig aus dem Schiff werfen, der sie doch durch seine Gegenwart und Rat erhalten könnte, muss in diesem Fall das Schiff verderben. Und man sieht deutlich, dass der Schiffbruch nicht durch Schuld des Steuermannes, sondern aus Mutwillen und Unsinnigkeit derer, die im Schiff gewesen sind, geschehen ist.

Ihr Pfarrer Wilfried Fritzsch


30.06.2016

Brexit - wie weiter?

Nun ist es also entschieden: England wird die Europäische Union verlassen. Wie und wann das geschehen soll, ist noch ebenso unbestimmt wie die Konsequenzen, die dieser Schritt für uns haben wird. Eins aber ist klar: Er darf und wird keine Rückkehr zur überholten "Splendid Isolation" und keine Abkehr von der europäischen Verantwortungsgemeinschaft bedeuten, mit der Europa die Lehren aus zwei Weltkriegen gezogen hat.

In dem Zusammenhang mag es nicht überflüssig sein, daran zu erinnern, wie erfreulich eng in den vergangenen Jahrzehnten die Beziehungen gerade zwischen unserer Stadt mit ihren Kirchgemeinden und England geworden sind:    

Es waren junge Briten, die vor fünfzig Jahren mit ihrem Arbeitseinsatz beim Wiederaufbau des Diakonissenkrankenhauses den Grundstein dafür gelegt haben, dass heute vier Dresdner Kirchen - Diakonissenhauskirche, Kreuzkirche, Frauenkirche, Maria am Wasser - zur weltweiten "Nagelkreuzgemeinschaft" gehören, zu einer Gruppe, die im Gedenken an die Zerstörung Coventrys und seiner Kathedrale durch die deutsche Luftwaffe den Ruf zur Versöhnung wachhält. 

Vom finanziellen Einsatz aber und vom Engagement der Engländer für die Wiedererrichtung der Frauenkirche kündet unübersehbar das Kreuz über deren Kuppel, geschaffen vom Sohn eines der Bomberpiloten, die Dresden in Schutt und Asche legten.

Und wenn es in Dresden auch keine "Englische Kirche" mehr gibt, auch sie ist dem Bombar-dement  zum Opfer gefallen, so wird doch jeden Monat zum "Evening Prayer", zum anglikanischen Gottesdienst in englischer Sprache, in die Frauenkirche eingeladen.

Setzen wir also auch in Zukunft auf das starke Band, das uns als versöhnte Nachbarn und als Christen verbindet!


Ihr Jürgen Bergmann



Liebes Gemeindeglied,

an dieser Stelle möchten wir Sie einladen, mit uns Gedanken, zu Ihnen wichtigen Themen, zu teilen. Aber auch eine kurze Andacht kann hier stehen.

Senden Sie uns bitte Ihren Text an kg.schoenfeld_weissig@evlks.de.





Marcus Antonius Felix, 52-58 n. Chr. römischer Statthalter von Judäa
aus: Guillaume Rouille -
"Promptuarii Iconum Insigniorum", Lyon, 16. Jh.

Der antike Palast des Herodes in Caesarea heute, direkt an der Küste des Mittelmeeres. Wahrscheinlich fand hier der Prozess gegen Paulus statt.